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Autonomes Fahren – die nächste industrielle Revolution

Von Jürgen Biffar • 26. März 2015
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Juergen_BiffarJürgen Biffar, Gründer und Geschäftsführer der DocuWare GmbH, hielt am 25. März 2015 anlässlich des Wirtschaftsempfangs der Stadt Germering nachfolgenden Vortrag über selbstfahrende Autos und ihre Auswirkung auf Wirtschaft und Gesellschaft in der Region.

 

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, liebe Gäste des Germeringer Wirtschaftsempfangs,

ich bin Jürgen Biffar, Vorsitzender des Gewerbeverbands Germering und dort stellvertretender Leiter des ICT-Clusters. Gleichzeitig bin ich Mitbegründer und Geschäftsführer der Germeringer DocuWare GmbH, einem weltweit führenden Unternehmen für Dokumentenmanagement-Lösungen. Und in einer weiteren ehrenamtlichen Tätigkeit bin ich Mitglied im Vorstand des BITKOM, des deutschen Industrieverbands für Informationstechnologie. In all diesen Eigenschaften beschäftige ich mich intensiv mit technologischen Entwicklungen, die für unsere Gesellschaft relevant sind oder es werden.

Daher spreche ich heute über die nächste industrielle Revolution und ihre Folgen für Germering. Wir stehen vor Veränderungen, und zwar durchweg positive, die weder Sie noch ich je erlebt haben und auf die wir uns in Germering frühzeitig einstellen sollten.
Es geht um selbstfahrende Autos, das sogenannte autonome Fahren. Sie steigen in ein Auto und es fährt Sie selbständig zum Ziel. Sie können die Landschaft genießen, etwas lesen oder mit der Familie Karten spielen.

„Drei Klicks auf Ihrem Handy und ein selbstfahrendes Auto fährt Sie nach Hause"

Utopie oder Vision für eine ferne Zukunft denken Sie? Als ich vor Weihnachten entschied, über selbstfahrende Autos zu sprechen, dachte ich noch, ich müsste zunächst um Ihre Aufmerksamkeit für das Thema werben. Aber seit kurzem vergeht kein Tag, an dem sich nicht eine bedeutende Zeitung, das Fernsehen oder Radio ausführlich mit dem Thema beschäftigen.

Schöne Technik, für den, der’s mag, sagen Sie vielleicht. Aber wieso gleich eine industrielle Revolution? Schließlich behauptet die Mehrzahl unter uns Männern zwischen 40 und 60, dass uns das Steuern eines Fahrzeugs richtig Spaß macht und dass Automatik, Tempomat, moderne Abstandssteuerungs- und Spurhaltesysteme nichts sind für echte Männer.

Autonomes_Fahren_1 Ich behaupte, es wird trotzdem eine Zeit kommen, in der die überwiegende Mehrzahl der Menschen in Deutschland kein eigenes Auto mehr besitzen wird. Wozu auch? Wenn Sie hier von der Stadthalle nach Hause wollen, machen Sie drei Klicks auf Ihrem Handy, ein selbstfahrendes Auto kommt und fährt Sie nach Hause. Egal wie viel Sie getrunken haben. Abgerechnet wird automatisch.
 
Wenn Sie künftig mit dem Auto in die Arbeit fahren wollen, machen Sie wieder drei Klicks auf Ihrem Smartphone, die App fragt Sie, ob Sie heute alleine fahren möchten, oder zusammen mit zwei bis fünf weitere Personen. Der Computer berechnet in Sekunden, welches Fahrzeug gerade einen ähnlichen Weg hat, wann es bei Ihnen und dann an Ihrem Arbeitsplatz sein wird und wieviel billiger Ihre Teilnahme an dieser modernen Form der Fahrgemeinschaft für Sie ist. Dann entscheiden Sie selbst, ob alleine oder gemeinsam. Wenn Sie mit der Familie zum Einkaufen oder in den Urlaub fahren, bestellen Sie einen Wagen mit ausreichenden Sitzen und mit großem Kofferraum.

Wozu brauchen Sie dann ein eigenes Auto. Klar, für die Freude am Fahren! Aber lassen Sie mich mal die Kosten vorrechnen:
Ein Taxi, das ihnen das alles ja auch bietet, kostet heute rund 1,50 € pro Kilometer. Die Fahrt nach München somit 30 Euro einfach. Zu teuer. Selbst mit Uber kostete der Kilometer einen Euro. 20 Euro pro Strecke in die Stadt, immer noch zu teuer.
Car2Go und DriveNow wird in München als Car-Sharing angeboten. Sie schauen auf Ihrem Handy nach, wo das nächste Auto steht, gehen hin, steigen ein, fahren los, lassen das Auto am Zielort stehen, abgerechnet wird automatisch. Noch nie gehört? Diese moderne Form des Car-Sharings tritt derzeit einen wahren Siegeszug durch die Großstädte Deutschlands und der westlichen Welt an. Klar, Sie fahren selbst, aber es kostet in München nur rund 30 Cent pro Kilometer. Gäbe es Car2Go oder DriveNow auch in Germering, kostete die Fahrt nach München nur noch 6 Euro. Der gleiche Service kostet in Chicago, wo es ihn schon länger gibt und mehr Wettbewerb besteht, 15 Cent pro Kilometer. Autonomes_Fahren_2

Nun stellen Sie sich nur noch vor, Sie müssen nicht so ein Car2Go oder DriveNow Auto suchen und hoffen, dass eines in der Nähe ist, sondern es kommt auf Knopfdruck zu Ihnen. In ein paar Minuten. Fährt Sie überall hin. Egal ob Sie etwas getrunken haben. Egal, dass Ihr 16-jähriger Sohn noch keinen Führerschein hat. Egal, ob wir uns ab Mitte 70 nicht mehr so sicher am Steuer fühlen.

Und jetzt rechnen wir mal. Nehmen wir mal an, so eine Fahrt kostet so viel wie das Car-Sharing in Chicago heute – 15 Cent pro Kilometer. Wenn Sie heute mit Ihrem Auto im Jahr 20 000 Kilometer fahren, würde Sie das in Zukunft 3 000 € pro Jahr kosten. So viel bezahlen Sie heute mindestens für Benzin, Steuern und Versicherung Ihres Autos! Warum sollten Sie sich also ein eigenes Auto kaufen?

Jetzt fragen Sie vielleicht, warum selbstfahrende Autos so billig sein sollen, wie die günstigen Car-Sharing Angebote in USA? Genau kann ich das nicht sagen. Aber das was heute beim Car Sharing teuer ist, nämlich die Fahrzeuge immer wieder von Menschen einsammeln zu lassen um sie zu reinigen oder zu warten, erledigen die selbstfahrenden Autos alleine. Das spart!

Und jetzt kommt ein aus meiner Sicht besonders wichtiger Punkt: Selbstfahrende Autos werden fast alle Elektroantrieb haben! Der Nachteil relativ kurzer Reichweiten kümmert sie wenig. Ist die Batterie zu schwach, fährt das Auto einfach zur nächstgelegenen Docking-Station, so wie heute Ihr automatischer Rasenmäher. Gleichzeitig sind Elektroautos bei großen Stückzahlen in Herstellung und Wartung günstiger als Autos mit Verbrennungsmotor.

Damit, meine Damen und Herren, wird der Wegfall von Benzin- und Dieselautos einen wesentlichen Beitrag zur Luftreinhaltung insbesondere in den Städten leisten.

„Selbstfahrende Autos werden vor allem aus Sensoren, Elektronik und Informationstechnologie bestehen"

Vielleicht ahnen Sie jetzt, warum uns mit den selbstfahrenden Elektroautos die nächste industrielle Revolution bevorsteht.
Ein durchschnittlicher PKW wird heute deutlich unter 10% seiner Zeit genutzt. (Durchschnittliche Nutzung: 18 693 km / Jahr lt. Axa Verkehrssicherheitsreport 2009. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h entspricht das 720h pro Jahr = 8%) Den Rest steht er auf dem Parkplatz oder in der Garage.
Der Nutzungsanteil eines selbstfahrenden Autos wird bei etwa 50% liegen, nachts wird auch dieses  überwiegend stehen. Wenn ein Auto fünfmal so intensiv genutzt wird, brauchen wir nur noch einen Bruchteil des heutigen Fahrzeugbestandes. Und diese Autos werden vor allem aus Sensoren, Elektronik und Informationstechnologie bestehen. Die mechanischen Elemente werden an Bedeutung verlieren. Natürlich hat das massive Auswirkungen auf die Automobilindustrie und damit auf ganz Deutschland.
Bevor ich nun auf die konkreten Auswirkungen für Germering komme, ein paar Worte zum Zeithorizont.

„In 15 Jahren werden wir überwiegend automnome Fahrzeuge nutzen"

Im September letzten Jahres erlaubte Kalifornien die testweise Nutzung der Straßen durch autonome Fahrzeuge. Im Januar 2015 erklärte Minister Dobrindt den testweisen Ausbau der A9 für autonomes Fahren.

Gesetzgebungsverfahren für selbstfahrende Autos wurden europaweit gestartet. In diesem Rahmen werden in den nächsten Jahren auch die wichtigen Fragen der Haftung geklärt. Das Europäische Institut für Standardisierung der Telekommunikation, ETSI, entwickelt technische Standards für den Informationsaustausch von Fahrzeugen untereinander und mit ihrem Umfeld.
Was sagen die Hersteller künftiger autonomer Fahrzeuge? Google, ein Vorreiter für selbstfahrende Autos spricht von 2023, die deutsche Automobilindustrie übereinstimmend von 2025 bis zur vollständigen Serienreife. Das ist in 10 Jahren!

Spätestens in 15 Jahren wird es also soweit sein und wir werden überwiegend autonome Fahrzeuge nutzen, die wir nicht mehr selbst besitzen müssen.

Die Auswirkungen für die Kommunen sind immens:

  • Ein Fünftel des KFZ-Bestandes bedeutet ein Fünftel des Parkplatzbedarfs.
  • Die selbstfahrenden Autos werden großteils in Tiefgaragen oder Parkhäusern auf engstem Raum geparkt. Die Autos fahren vollautomatisch auf der einen Seite rein, werden gewaschen, fahren in ihre Box, werden aufgeladen und fahren anschließend auf der anderen Seite der Garage wieder raus. Wie in einem automatischen Hochregallager.
  • Parkplätze am Straßenrand werden nicht mehr gebraucht. Das bedeutet mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger.
  • Komfortable Auto-Mobilität steht jedem Bürger jederzeit günstig zur Verfügung:
    - Jungen Menschen
    - Alten Menschen
    - Gebrechlichen, Kranken und Behinderten
    - Bei Wind und Wetter
    - Nach jeder Party
    - Nach jedem Restaurantbesuch
  • Ältere Menschen können länger in ihren Häusern und Wohnungen, auch am Ortsrand wohnen.
  • Zubringer zu S-Bahn und anderen Massenverkehrsmitteln werden äußerst komfortabel.
  • Jegliche Parkplatzsuche und der damit verbundene Suchverkehr entfallen.   
  • Die Belastung der Luft durch Feinstaub, Kohlenmonoxid und Stickstoffe aus Autos entfällt, die Luft wird sauberer.
  • Die äußerst kostengünstigen und doch komfortablen Fahrgemeinschaften werden das Verkehrsaufkommen insgesamt reduzieren.
  • Kundenparkplätze vor Geschäften, Kinos, Theatern und Bahnhöfen werden umgestaltet in effiziente An- und Abfahrtzonen.
  • Linienbusse werden nicht mehr benötigt.
  • Wir Menschen werden mehr Zeit haben, müssen sie nicht mehr mit dem Steuern eines Autos verbringen.

Natürlich bringt diese nächste industrielle Revolution auch Herausforderungen mit sich. Die Automobilindustrie der Zukunft wird eine völlig andere sein. 90% der Wertschöpfung wird aus der Informationstechnik kommen:

  • Innerhalb des Fahrzeugs die intelligente Verbindung von Radar-, Laser- und Ultraschallsensoren sowie Umfeldkameras mit Hochleistungscomputern im Auto
  • Die ebenso intelligente Vernetzung der Autos über das Internet, man spricht hier heute bereits vom Internet der Dinge
  • Stabile und sichere Software, die all die Informationen koordiniert und verarbeitet
  • Software der Mobilitätsanbieter, die die Wege der Autos mit und ohne Insassen steuert
  • Internetportale der gleichen Mobilitätsanbieter, über die wir die selbstfahrenden Autos buchen und bezahlen können
  • Andere Internetportale, die uns dasjenige Angebot von den unterschiedlichen Mobilitätsanbietern raussuchen, das am besten zu uns passt
  • Und schließlich Apps für unsere Smartphones, über die wir die Autos rufen

Damit wird sich das beschleunigen, was wir bereits heute in vielen Handwerksberufen und technischen Studiengängen beobachten: Software und allgemein die Informationstechnologie spielt eine immer größere Rolle, eben auch in der KFZ-Industrie.

„Wir müssen die Kinder und Jugendlichen fit machen für die Zukunft"

Wir müssen uns selbst, aber vor allem unsere Kinder darauf vorbereiten. Wir müssen in den Schulen darauf hinwirken, dass der IT immer mehr Raum gegeben wird. Wenn es unserem Schul- und Universitätssystem hierfür an Dynamik fehlt, müssen wir mit Zusatzangeboten die Kinder und Jugendlichen fit machen für die Zukunft.

Lassen Sie mich noch kurz über die Anbieter sprechen, die künftig als Mobilitätsdienstleister eine wichtige Rolle spielen werden. Da sind zum einen unsere Autokonzerne, die sich bereits jetzt darauf vorbereiten, künftig weniger Autos zu verkaufen und vielmehr Dienstleistungen anbieten werden. Hinter Car2Go steht z.B. Daimler-Benz. Hinter dem Wettbewerber DriveNow steht BMW. Eine wichtige Rolle können die klassischen Autovermieter, wie Avis, Sixt, Hertz und Eurocar übernehmen. Und schließlich große Internetkonzerne wie Google.

Dazwischen wird viel Raum für mittelständische Spezialanbieter sein, die z.B. selbstfahrende Wohnmobile oder Lieferwägen anbieten.

„Positionieren wir uns als moderne Mobilitätsstadt"

Was können wir nun in Germering tun, um den besten Nutzen für die Stadt, unsere Bürger und die Wirtschaft aus der nächsten industriellen Revolution, aus der Mobilität der Zukunft zu ziehen?
Wir sollten uns als moderne Mobilitätsstadt positionieren. Wenn es uns gelänge, dass Car-Sharing Anbieter wie Car2Go oder DriveNow ihr Geschäftsgebiet von München auf Germering ausdehnen, würden auch wir Germeringer lernen, wie modernes Car-Sharing funktioniert. Eine Voraussetzung sind zum Beispiel reservierte Pool-Parkplätze an unseren Bahnhöfen.

Wir sollten Kontakt mit den Unternehmen aufnehmen, die selbstfahrende Autos entwickeln. Wenn Minister Dobrindt die A9 zur Teststrecke erklärt, warum bieten wir nicht Germering als Testort an? Wir ziehen damit automatisch High-Tech-Unternehmen an, die attraktive, zukunftsorientierte Arbeitsplätze schaffen. Wir sollten Referenten einladen, die noch kompetenter als ich zum Thema autonomes Fahren sprechen.
Bei der Stadtplanung sollten wir bereits heute die Mobilität von morgen berücksichtigen. Und wie ich schon sagte, wir sollten unsere Kinder auf den massiven Wandel in unserer deutschen Schlüsselbranche KFZ-Industrie vorbereiten.

Ich bitte Sie alle hier im Saal: Beteiligen Sie sich konstruktiv an diesem Thema, bringen Sie sich ein und tragen Sie dazu bei, dass sich all die positiven Perspektiven, die sich uns durch die neue Form der Mobilität auftun, zu unser aller Vorteil entfalten. Es dauert nicht mehr lange. Nur 15 Jahre, nur bis 2030.



Topics: Neuigkeiten, Staatliche Initiativen

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